Hygiene macht Spaß

Das durften in der vergangenen Woche 36 Straßenmädchen am eigenen Leib erfahren. Gemeinsam mit einer Hand voll Helfern von Operation Smile hat Snehalaya ihr monatliches Straßenmädchen-Camp gehalten. Wie üblich wurden die großen und kleinen Damen, die am Rande der Bahngleise in den Slums wohnen, morgens Daheim abgeholt und mit dem Snehalayabus zu uns gefahren. Hier durften sie sich dann erst mal eine Runde austoben und ausgiebig mit den ganzen „Foreigners“ aus Amerika, Schweden und Deutschland schmusen, selbst die dreizehn bis vierzehn jährigen Mädels hängen sich einem an den Hals und klammern sich wie kleine Äffchen fest, wenn man versucht, sie wieder abzusetzen. Das zeigt, wie viel Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit diese Mädchen brauchen, die sie sonst in ihrem harten Alltag nicht bekommen.
Viele von den Kindern waren nicht zum ersten Mal hier und es hat mich besonders gefreut, dass die eine oder andere sogar noch meinen Namen wusste. Die „alten Hasen“ zeigten den Neulingen auch gleich, wie so ein Camp läuft; nach dem Spielen wird sich gewaschen und dann bekommt jedes Kind ein neues Outfit. Vor dem Mittagessen haben wir diesmal eine Lerneinheit zum Thema Hygiene gemacht. Christy, eine der Amerikanerinnen von Operation Smile hat der Gruppe erst mal ein paar allgemeine Fragen gestellt, ob sie wüssten, wann man sich die Hände waschen müsse und wann es Zeit zum Zähneputzen sei. Mich hat schockiert, dass zwar alle wussten, dass die Hände vor und nach dem Essen zu reinigen sind, aber ich in ratlose Gesichter geblickt habe, als Ambrose den Mädchen übersetzt hat, dass dieses Ritual auch nach dem Toilettengang auszuführen sei.
Dann folgte der spannende Teil, zuerst wurden Trockenübungen ohne Seife und Wasser gemacht, um zu zeigen, wie die Hände und Zähne wirklich sauber werden. Christy erklärte den Kindern, dass sie jedes Mal beim Händewaschen ein Lied singen sollen. „I wanted to make them sing the birthday song but then I realised that they probably don’t know the birthday song”, meinte sie hinterher zu mir. Traurigerweise kennen die meisten der Kinder nicht einmal ihr eigenes Geburtsdatum, also wurde kurzerhand ein berühmtes Lied aus einem Bollywood Film gesungen. Nachdem die Theorie geklärt war, wurden ein paar Seifen verteilt und jede durfte es einmal selbst ausprobieren.
Im Anschluss an das  reichliche Mittagessen mit Reis, Daal, Hühnchen und Kartoffeln haben wir dann noch mit vereinten Kräften Finger- und Fußnägel lackiert und Bindis (die Ornamente, die sich die Inderinnen immer auf die Stirn kleben) auf 36 Köpfen verteilt. Frisch gestärkt und reichlich beschenkt, jedes Mädchen erhielt eine kleine Geschenktüte mit Seife, Zahnbürste, Zahnpaste und Haarklammern, verließen die Straßenkinder Ila am Nachmittag wieder. Ich stand noch eine Zeit lang am Tor, um ihnen zu winken, mit der Hoffnung in mir, dass sie das Gelernte in ihre Familien tragen und als Multiplikatoren fungieren, um so ihre Verwandten oder zumindest sich selbst vor Krankheiten zu schützen.

4 Gedanken zu “Hygiene macht Spaß

  1. Hi Fiti,
    was für ein lebendiger Bericht von euerem “Hygiene-Tag”!
    Ist es nicht manchmal eine Sysiphos-Arbeit?
    Wie viel von dem, was die Mädchen erfahren haben, können sie in ihren Alltag mitnehmen? Wie viel umsetzen?
    Ich finde es gut zu hören, dass es Kooperationen mit anderen Initiativen wie hier mit der Operation Smile gibt. Wenn man voneinander weiß, sind Erfahrungsaustausch, Vernetzung, Synergien möglich.
    Ich wünsche weiterhin allen Freiwilligen viel Mut und Energie.

    Jetzt freue ich mich erst einmal darauf, dass wir, das sind Alexander und ich, in knapp 3 Wochen vor Ort sehen können, wovon wir im letzten halben Jahr gelesen haben. Und besonders darauf, Dich Fiti endlich wieder in die Arme schließen zu können.
    Grußkuss
    Birgit

  2. Liebe Fiti,

    ich bin sehr beeindruckt, mit welchem Engagement du/ihr nach wie vor bei der Arbeit seid – und das mit dem Wissen, dass vieles von dem, was ihr den Kindern Gutes tut, für sie wahrscheinlich “nur” Momentaufnahmen sind, die sie wohl in der Regel nicht in ihren Alltag rüberretten können oder vielleicht auch wollen, da sie dort keinen Platz haben.

    Ansonsten schließe ich mich den Ausführungen von Birgit an: freue mich total drauf, dich in gut zwei Wochen endlich wieder in die Arme schließen zu können und bin sehr gespannt darauf, Indien durch dich neu kennenzulernen.

    Ich drücke dich ganz lieb,
    Alexander

  3. Da der Alexander damit überfordert war, dir schöne Grüße auszurichten, wenn er dich sieht, hat er mich an deinen Blog erinnert, den ich jetzt also nutze.
    Das klingt alles sehr interessant und nicht unanstrengend, aber du machst – war ja irgendwie auch nicht anders zu erwarten, einen entspannten und begeisterten Eindruck. Ich bin natürlich gespannt zu erfahren, wie dich diese Erfahrung geprägt hat und freue mich dann auf unser Treffen in der Heimat.
    Laß es dir gutgehen!
    Grüße vom Onkel