German Beats in Guwahati

Als wir unausgeschlafen am frühen Dienstagmorgen mit dem Nachtzug in Guwahati ankamen und uns im Büro von Snehalaya in Paltan Bazar mit einem Teechen aufwärmen wollten, begannen unsere ersten Vorbereitungen zu den „German Beats“.

Father Lukose hatte uns am Abfahrtstag ins Nagaland mit der Aufgabe, eine Woche später mit 9 Jungs aus dem Dhirenpara vor dem obersten Richtern Indiens eine Performance vorzuführen, überrascht. Es ginge um Trommeln, Einräder und Diabolos, kurz gesagt „German Beats“. Wir konnten damit zu diesem Zeitpunkt wenig anfangen, mussten aber abwarten, bis wir wieder in Guwahati waren, um um das Ganze genauer anzuschauen.

Am Dienstagmorgen haben wir 4 Freiwilligen also zum ersten Mal gemeinsam mit Father Lukose über diese Performance geredet, Samstagabend bzw. Freitagabend zur Generalprobe, sollte sie stehen. Wir hatten 4-5 Tage Zeit und begannen gleich an diesem Dienstag.

In dieser Woche waren wir jeden Tag in Dhirenpara und übten mit den Jungen verschiedene Rhythmen, dazu führte ein Junge Diabolo vor und zwei andere fuhren Einrad. Mit „German Beats“ waren übrigens Eimer gemeint, die die Jungs sich um die Hüfte gurteten und darauf trommelten. Auch wir sollten unseren Teil dazu beisteuern, weshalb wir am Ende im Saree Stern über Bethlehem sangen. Die Veranstaltung bei der wir auftraten, war ein Seminar zwischen verschiedenen einflussreichen Personen, hauptsächlich Richtern Indiens, zu Kinder- und Frauenrechten.

Von der Veranstaltung an sich waren wir 4 Freiwilligen allerdings eher weniger begeistert. Am Anfang hielten alle wichtigen Personen eine Rede, dann gab es für die Zuhörer Essen und der zweite Teil bestand in verschiedenen Aufführungen von Organisationen, die mit dem Thema “Kinder- und Frauenrechten” etwas zu tun hatten. Die Kinder und Jugendlichen, die aufführten, warteten 3 bis 4 Stunden bis sie dran waren, da der Zeitplan sich verschoben hatte. Als sie dann endlich dran waren, war kein Publikum mehr da. Die VIP-Gäste saßen noch in den ersten drei Reihen, das restliche, große Auditorium war allerdings leer. Die Gäste waren nach der Essenspause nach Hause gegangen. War dies nicht eine Veranstaltung über Kinder, für Kinder? Warum hörte dann diesen Kindern keiner mehr zu? Als wir fertig waren, bedankte sich keiner und die Kinder wären einfach verschwunden, wenn wir nicht noch auf etwas zu Essen beharrt hätten, denn davon war nichts mehr da. Aber warum sollten nur die Gäste und nicht unsere Jungs nach 3-4 Stunden im Stehen warten etwas essen? Auch wenn sie noch etwas bekamen, waren wir aber etwas enttäuscht, dass die Kinder, um die es doch eigentlich ging, zu kurz kamen.

Doch nun hatten wir endlich die Zeit mit unserem großen Projekt anzufangen – unser Piratenschiff. Wir hatten schon seit Längerem Pläne geschmiedet für ein großes Schiff aus Holz, auf dem die Kinder rumtoben, klettern und entspannen können.

Schon allein die Vorbereitungen waren ein langwieriger Prozess: Man geht nicht einfach in den Baumarkt und kauft zugeschnittenes Holz, Winkeleisen und Schrauben. Nein, für das Holz sind wir in einen anderen Bundesstaat, Meghalaya, gefahren um dort in einer Holzfabrik unsere Bestellung aufzugeben. Das war allerdings auch eine beeindruckende Erfahrung, es hat sich gelohnt. Um Schrauben und ähnliches zu besorgen, zogen wir von Laden zu Laden, zeigten Fotos von Schrauben, Muttern und Winkeleisen. Wir wurden gefragt, für was wir das denn bräuchten, am Ende hatten sie es dann doch nicht. Es dauerte seine Zeit, bis wir ansatzweise alles zusammenhatten. Also konnten wir dann letzte Woche endlich beginnen und sind überrascht wie fleißig die Kinder, vor allem die Jungen, bei uns doch mithelfen. Jeden Morgen fragen sie uns, ob wir denn heute weiterarbeiten, sie sind richtig begeistert. Aber dennoch ist das Schiff eine große Aufgabe, die uns über die nächsten Wochen begleiten wird, wir freuen uns schon sehr darauf.

Heute Morgen mussten wir die Kinder allerdings enttäuschen, denn heute Morgen sind wir mit ca. 26 Jungen vom Bahnhof zu einem Picknickplatz in der Natur aufgebrochen. Snehalaya organisiert jeden Monat solche Tage, bei denen sie die Jungen und Mädchen von den Straßen und vom Bahnhof Guwahatis auflesen, ihnen Essen und Kleidung geben und sie sich duschen können. Es werden Spiele gespielt und Ausflüge gemacht, mit der Hoffnung einige dieser Kinder dazu bewegen zu können doch in einem Heim zu bleiben. Dieses Mal sollte es eine Art kleine Weihnachtsfeier sein. Wir fuhren mit ihnen raus aus der Stadt, rein in die Natur, auf eine große Wiese zwischen Hügel, an einem kleinen Bach gelegen, dazwischen Kühe. Wir spielten verschiedene Spiele, machten Wettrennen, erkundigten die Natur, scherzten herum, aßen gutes Mittagessen und hielten in der Sonne Mittagschlaf. Am Ende bekamen die Jungs alle neue Kapuzenjacken und ein paar Preise für die Gewinner der Spiele, in Form von Seife, Zahnbürsten oder Kokosöl für die Haare. Es war ein sehr schöner Tag mit diesen Kindern, auch wenn wir diesmal sehr sehr viele Schnüffeltücher einsammelten mussten und der ganze Bus nach Kleber stank. Auch wenn man nur einen Tag mit diesen Kindern verbringt, wachsen sie einem sofort ans Herz und es ist traurig zu wissen, dass die meisten zurück zum Bahnhof gehen, weiterhin schnüffeln und betteln werden.

Jeder Tag ein Neuanfang

 

Die Zeit vergeht wie im Flug, schon wieder sind 2 Wochen vergangen. Auch in dieser Zeit haben wir viel erlebt und man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.

Beginnen wir mal mit Halloween. Die Kinder fragten schon seit langer Zeit immer wieder nach dem „ Pumpkin-Feast“ und was wir denn für diesen Tag organisiert haben, ob es denn auch schön gruselig genug zugehen würde. Wir merkten, dass sie hohe Erwartungen hatten und so machten wir Pläne wie wir den Tag gestalten könnten. Leider sind wir immer etwas beschränkt, da erst um 3/ halb 4 alle aus der Schule wieder da sind und dann normalerweise erst Waschen und Saubermachen angesagt ist. Um 5 steht allerdings wieder Gebet auf dem Plan und danach wird bis zum Abendessen gelernt. Dann ist für die Kleineren auch schon wieder Schlafenszeit.

Also hatten wir von 4 bis 5 Uhr Zeit für Programm und so organisierten wir eine komplexe Schatzsuche durchs Haus und den Garten. Umrankt war diese von einer geheimnissvollen Geschichte über ein blühendes, buntes und reiches Land mit farbenfrohen Märkten, mit Gold, Silber und Juwelen, mit kostbaren Tüchern und einer reichen Kultur. Doch eines Tages überkam Dunkelheit das Land und die Fröhlichkeit wurde in eine Truhe gesperrt. Es existierten 2 Schatzkarten, aber das Böse hatte beide zerstückelt und im ganzen Land verteilt. Die Kinder waren nun die Auserwählten, diesen Schatz zu suchen, und nach langem Umherrennen, Aufgaben erfüllen, geschicktem Kombinieren, logischem Nachdenken und anschließendem Zusammenpuzzeln der Karte, fanden die Kinder den Schatz. Anschließend hatten wir noch eine leckere Stärkung zum Tee vorbereitet und für das Abendessen wurde der Essensraum mit ausgehöhlten Kürbissen, flackernden Kerzen und thematischem Dekoband dekoriert, dazu gab es eine gute selbstgemachte Kürbissuppe. Die Kinder freuten sich sehr und sind schon auf die nächste Geschichte gespannt.

Halloween erinnerte uns daran, dass auch schon bald Weihnachten vor der Tür steht. Da wir aber leider keinen Ofen zum Plätzchen backen haben, unsere mitgebrachten Ausstecher aber unbedingt ausprobieren wollten, beschlossen wir mit den „Vormittags-Kindern“ Salzteig zu machen. Diese „Plätzchen“ kann man dann nachher schön anmalen und am Weihnachtsbaum aufhängen. Gesagt, getan. Jedes Kind hatte eine Teigkugel vor sich, überall war Mehl, auf den Tischen, Bänken und Kindern, klassische Musik schepperte aus den Boxen des CD-Players, Sterne, Herzen, Schafe und Kühe wurden ausgestochen. Irgendwann fingen wir an Weihnachtslieder zu singen, sogar die Schwester stimmte mit ein. Wir hatten großen Spaß und erinnerten uns an unsere Kindheit mit Mehl im Gesicht und duftenden Plätzchen.

Unsere Kindheitserinnerungen sollten sich in den nächsten Tagen noch als nützlich erweisen. Als wir die Kinder morgens wie gewöhnlich zur Schule brachten, saß mitten auf der Straße eine Katze, ausgemergelt, verkrüppelt und nicht fähig sich fortzubewegen. Die Kinder waren besorgt, nahmen sie auf den Arm und wollten, dass wir sie mitnehmen. Kurzerhand nahmen wir also diese einsame kleine Katze mit, bauten ihr zuhause angekommen eine Holzhütte, nähten ihr eine grüne kleine Latzhose und gaben ihr den Namen Findus. Auch wenn die Katze vor ein paar Tagen von ihrer Mutter geholt wurde, war dies eine unglaublich tolle und besondere Erfahrung für die Kinder, sie mussten Verantwortung für etwas übernehmen, sich um ein kleines zerbrechliches Lebewesen kümmern und wir waren gerührt, wie die Kinder ihr eine stabile Steinhütte bauten, ein Kuscheltier für die Nacht reinlegten, sie mit Fisch fütterten und mit ihr spielten. Ein Mädchen sonderte sich beim sonntäglichen Fernsehschauen sogar von allen andern ab und nähte lieber liebevoll ein Kissen für die Katze, wir waren tief beeindruckt.

„Diwali“ erlebte die Katze allerdings bei uns noch mit und durfte wie wir das Feuerwerk, die Ausgelassenheit der Menschen, die bunten Lichter in den Straßen und an den Häusern und das Lichtermeer aus Kerzen bei uns im Garten und am Haus bewundern. Es war eine tolle Stimmung, alle Menschen waren auf den Straßen unterwegs, besuchten Tempel, ließen Feuerwerkskörper explodieren und bewunderten die Lichter. Sogar der Rotary-Club Guwahati kam vorbei, spielte mit den Kindern, brachte Süßigkeiten und Böller. Auch wenn wir 3 Nächte wegen des Feuerwerks nur schwer schlafen konnten, war es toll dieses große Fest der Hindus miterleben zu können.

Am Samstag haben wir es nun auch endlich mal geschafft einen Tag im Auxilium zu verbringen, dies ist ein Heim, was leider etwas schwer zu erreichen ist, wir brauchten ca 2 Stunden, bis wir da waren, aber wir hatten einen schönen Tag mit den Kindern. Leider gibt es vor Ort nicht genügend Platz, sodass wir dort für eine Zeit wohnen könnten, also müssen wir immer mal hinfahren und so mit den Kindern spielen. Wir mussten die Kinder ersteinmal richtig kennenlernen, haben kleine Spiele gespielt, gemalt, gesungen und getanzt. Außerdem haben wir mit den Schwestern viel über die Kinder und deren Schicksale gesprochen und alles dokumentiert, es ist erschreckend und schön zugleich. Erschreckend, was die Kinder teilweise erlebt haben, schön, dass sie hier gut aufgehoben sind.

Gestern haben wir mit den Kindern hier in Jyoti die rote Backsteinmauer, die das Grundstück umgibt, mit weißer Kreide angemalt. Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen, die Kinder haben sich ausgetobt, Fantasiefiguren, Verziehrungen, Herzen, Tiere und vieles mehr gemalt, das Ganze wirkt sehr lebensfroh und Besucher werden nun von Monstern oder freundlichen Gesichtern angelacht.

Die Investition in die ganze Kreide, die wir dafür kauften, hat sich wirklich gelohnt, heute haben wir mit den kleinen Kindern auf dem Hof Zahlen geübt, das Praktische bei der Kreide ist, dass sie immer wieder abgeht, man also so viel üben kann wie man will und man immer Platz hat.

Jetzt sind wir gespannt, was die nächsten Wochen mit sich bringen werden.

 

Veröffentlicht unter Jyoti