A Paradise Impalpable

Ila SnehalayaNun heißt es nach fünf Monaten in Ila Snehalaya auch für mich Abschied nehmen und es fällt mir sehr schwer. Das ganze Heimteam und vor allem die Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen. Aus diesem Grund habe ich versucht, die letzten Tage und Wochen mit den Kindern nochmal so richtig auszukosten und angefangene bzw. geplante Projekte fertigzustellen.
Pünktlich zu meiner kleinen Abschiedsfeier in der vergangenen Woche habe ich es endlich geschafft, das Eingangstor zu streichen. Jeder einzelne Schritt wurde dabei von den Jungs immer genau überwacht, wenn sie aus der Schule kamen. So waren sie am ersten Nachmittag ziemlich enttäuscht, dass man die Bleistiftstriche von Weitem ja gar nicht sehen könne, aber die Begeisterung steigerte sich glücklicherweise von Tag zu Tag, bis sich am Ende alle einig waren, dass jetzt jeder sehen könne, mit wem er es hier zu tun habe.
Neben dem Torstreichen war ich allerdings noch mit reichlich anderen Vorbereitungen bezüglich des Spielenachmittags mit den Jungen beschäftigt, so habe ich einen anderen Vormittag in der Küche damit zugebracht „German biscuits“ zu backen, die sich zum Afternoon tea sowohl die Kinder als auch die Schwestern und Staffmembers schmecken ließen. Im Anschluss spielten wir Partyspiele wie Topfschlagen und Eierlaufen. Obwohl die Kinder beim Topfschlagen anfangs nicht ganz verstanden, was sie zu tun hatten, begriffen sie den Sinn des Spieles ziemlich schnell und stellten zusätzlich noch eigene Regeln auf. Die Gruppe der Umstehenden teilte sich in zwei Teams, die einen versuchten, die „Topfschläger“ durch Brüllen zum Ziel zu führen, und die anderen versuchten, sie vom Ziel abzuhalten.
Nachdem die Outdoor-Aktivitäten abgeschlossen waren, fanden wir uns alle im Studyroom zusammen, wo jeder Junge sich seinen eigenen Anstecker basteln durfte. Das war das erste Mal in den fünf Monaten, dass ich hier so etwas wie Stillarbeit erlebt habe, aber nicht weil die Jungs ruhig arbeiten wollten, sondern weil ihre Stimmen von der ganzen Schreierei heiser waren. Wir beendeten den Tag mit einem gemeinsamen Abendessen – Spaghetti mit Tomatensoße, ein gefundenes Fressen für die kleinen Inder, die mit ihren Händen ja so gerne im Essen rummanschen.
Als ich gestern dann in meinem Zimmer stand und die ganzen Sachen ausgemistet habe, die sich über den Zeitraum hier so angesammelt haben, stand plötzlich eines der Kinder in der Tür und fragte „Feli, you going? Germany going?“ und als ich bejahte, sagte er mit Tränen in den Augen „No going Feli.“
Grade jetzt in den letzten Tagen musste ich häufig an einen Ausdruck denken, mit dem der Provinzial V.M.Thomas vor ein paar Wochen den Nordosten Indiens beschrieben hat, a Paradise Impalpable (ein nicht greifbares Paradies) und genau das ist zumindest Snehalaya in den vergangenen fünf Monaten für mich gewesen. Ein Ort, an dem ich mich heimisch und geborgen fühlen durfte, wo mir geholfen und ich mit einem Lächeln empfangen wurde. Natürlich war es nicht immer einfach mit den Kindern und Schwestern, aber rückblickend lässt sich sagen, dass jeder Stolperstein der Grundstein für eine neue Erfahrung wurde.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Weihnachtsbastelei

Auch hier bei uns macht sich langsam Weihnachtsstimmung breit, zwar werden nicht in jedem Laden Lebkuchen und Weihnachtsmänner verkauft, aber die Orangensaison hat begonnen. Passend dazu haben wir einen Nachmittag lang gemeinsam mit den Jungen aus Ila Snehalaya Weihnachtsschmuck gebastelt. Aus einem assamesischen Buch und ein paar Perlen wurden kleine Engel und das aus Deutschland importierte Glitzer fand auf den selbst (ab-)gemalten Weihnachtsmotiven mehr als genug Platz. So verwandelten sich weiße Papiere in Windeseile in Christbaumschmuck, aber auch der Studyroom sah nach der Bastelrunde eher wie die Geschenkefabrik des Weihnachtsmannes aus.  Die bunten Schneemänner, Weihnachtssterne und Rentiere sind ebenso wie die Engelchen auf dem Weg nach Deutschland, um den Weihnachtsbaum der DZ Bank zu schmücken. Allerdings waren nicht nur die Kinder fleißig, sondern auch wir zwei Freiwillige haben uns mit dem Christkind getroffen und so darf seit dem ersten Dezember jeden Tag ein anderer Junge ein Päckchen des Adventskalenders öffnen.

Letzte Pinselstriche

Bevor wir uns eine einwöchige Auszeit von Guwahati gegönnt haben, wurden hier noch ein letztes Mal die Pinsel geschwungen. Das Garagentor erhielt seinen endgültigen Anstrich und auch die Basketballpfosten und Fußballtore laden nun durch die bunten Farben zum Spielen ein. Dank der Karmariders, die letzte Woche bei einem Besuch des Heimes viele Bälle in verschiedenen Farben und Größen mitgebracht haben, konnte das Basketballtraining auch direkt beginnen. An dem Teamgeist muss noch hart gearbeitet werden, im Moment gleicht dieser Mannschaftssport noch eher einem Einzelwettstreit.

Zu Besuch bei den Elefanten und Nagas

Am 27. November begann die mit Vorfreude erwartete Reise in den Kaziranga Nationalpark und anschließend in das Land der Nagas. Wir hatten leider nicht das Glück, einen der 106  Tiger zu sehen, aber dafür zeigten sich uns viele Nashörner und sogar der vom Aussterben bedrohte Hornbill (Nashornvogel). Gemeinsam mit den Karmariders besuchten wir rund um Golaghat ein paar Community Schools und ein besonderes Highlight war der Besuch einer Teefabrik. Zum Wochenende trafen wir uns dann mit den anderen beiden Freiwilligen, sowie Herrn Dr. Zinnecker und den beiden Damen von Accenture in Dimapur, um gemeinsam zum Hornbill Festival zu fahren. Es war sehr interessant, die traditionellen Tänze der Nagas und auch der anderen Stämme aus Nordostindien zu sehen und ihre Kriegsgesänge zu hören. Bei unseren Streifzügen über das Festivalgelände, tauchten wir immer wieder in die uralten Traditionen der Nagas ab, auch wenn das ein oder andere Ritual, wie zum Beispiel das Schweinefett-Wettessen für uns eher befremdlich war. Am Montag wurden noch ein paar Souvenirs und Geschenke für die Familie gekauft, bevor es dann mit dem Nachtzug zurück nach Guwahati ging, wo uns jetzt die besinnlichste Zeit des Jahres bevorsteht.

Mit kleinen Sachen Kindern eine große Freude machen

Ein neues Klettergerüst für Ila

Die zweite „Baustelle“ der Schweißer in Ila war das neue Klettergerüst für die Kinder. Bereits Wochen zuvor hatten wir ein Gespräch mit einem der Arbeiter, bei dem uns Sister Annie als Übersetzerin assistiert hat und trotzdem waren wir uns bis zur letzten Sekunde nicht ganz sicher, ob das Endprodukt mit unserem Plan übereinstimmen würde. Aber nun steht das 2,5m x 2m x 2m große Spielgerät neben der Schaukel in unserem Garten. Im Anschluss lag es bei uns, den Rohbau kindergerecht zu gestalten. Mal wieder bewaffneten wir uns mit Farbe und Pinsel und legten los… Jetzt erstrahlt das Gerüst in vier verschiedenen Farben und mit Hilfe von Seilen, einem Reifen und Seemannsknoten vollendeten wir unser Werk. Allerdings gab es auch schon den ersten Unfall, eines unserer Kinder ist trotz mehrmaligem Warnen einer Schwester leichtsinnig vom Klettergerüst gesprungen und dabei unglücklich auf seinem Arm gelandet, der nun gebrochen ist. Jedoch wird der Junge für seinen Gips von den anderen beneidet und als Held gefeiert.

Familienzuwachs

Auch sonst wird es bei uns nie langweilig, eines Abends kamen Sister Annie und ein paar der Jungen vom Rosenkranzbeten bei einer benachbarten Familie zurück und wir trauten unseren Augen kaum, als wir sahen, dass ein Junge ein relativ großes Lebewesen in seinen Armen trug. Seitdem lebt Ruby, ein kniehoher, braun-schwarzer Hund, bei uns. Es war nicht ganz einfach, die Spielregeln für und mit dem Hund umzusetzen, da die Kinder es nicht gewohnt sind, Verantwortung für andere Lebewesen zu übernehmen, und  Hunde eigentlich nicht als Haustiere sondern nur als Straßenköter kennen. Mittlerweile klappt das Zusammenleben aber schon richtig gut und es ist schön zu sehen, wie einige der Kinder im Umgang mit Ruby aufblühen und bisher unbekannte Seiten zeigen.
Neben Ruby sind auch noch zwei Hühner bei uns eingezogen, die unseren Plan, Kaninchen anzuschaffen, durchkreuzt haben, da sie nun im Hasenstall wohnen, den wir hühnergerecht umfunktioniert haben. Der Rohbau stand schon bei unserer Ankunft, allerdings musste das Netz erneuert, einige Bretter erneuert und der Käfig grundgereinigt werden. Trotz anfänglicher Bedenken leben Hund und Hühner friedlich miteinander auf dem Gelände von Ila Snehalaya.

Wer zuerst kommt, malt zuerst

Feast of Our Lady of Fatima

Am vergangenen Wochenende feierten „unsere Schwestern” ein Fest zu Ehren ihres Ordens. Am 13. Oktober 1917 erschien Maria drei kleinen Kindern in Fatima und forderte sie auf, dort eine Kapelle zu ihren Ehren zu bauen und jeden Tag den Rosenkranz zu beten. Jedes Jahr an diesem Tag wird daher ein Fest mit einer großen Messe und allen befreundeten Pfarrern und Schwestern gefeiert.
Die Vorbereitungen waren sehr aufwendig und zogen sich über mehrere Tage hin, wir bastelten Blumenschmuck und verzierten die Kapelle, parallel dazu wurde ein Großeinkauf getätigt und am Abend gab es ein wahres Festessen mit Fleisch und Fisch. Besonders viel Spaß hat es uns bereitet, den Obstsalat für das Dessert vorzubereiten, der dann mit Vanillesoße serviert wurde.
Doch bevor gegessen werden konnte, versammelten sich alle Anwesenden zur Messe und anschließend zu einem kleinen Programm, das die Angestellten und wir mit den Jungen einstudiert hatten. Zu Beginn wurden zwei traditionelle, assamesische Tänze gezeigt, woraufhin die Kinder „If you happy and you know it“ sangen und Macarena tanzten. Für diese Leistung gab es vom Publikum großen Applaus und die Leistung der Kinder stellte unsere kleine Tanz-Performance um Längen in den Schatten. Unter angeregten Gesprächen ließen wir den Abend langsam und gemütlich ausklingen.

Das Garagentor

Pünktlich zum Fest wurde auch unser nächstes Projekt fertig, wir haben alle zusammen das Garagentor gestrichen. Nachdem wir den Anfang gemacht hatten und das Tor weiß grundiert hatten, lag die größte Schwierigkeit darin, dass alle Jungen gleichzeitig streichen wollten, aber nur zwei Pinsel zur Verfügung standen. Die Kinder durften nacheinander die einzelnen Flächen des vorgemalten Mandalas ausmalen, sodass am Ende ein großes, buntes Gesamtkunstwerk daraus entstand. Man merkte sehr schnell, welche Kinder eher fein- und welche eher grobmotorisch veranlagt sind, jedes von ihnen gab sich jedoch große Mühe. Im Endeffekt war es uns wichtiger, dass es ein Projekt von allen Kindern gemeinsam ist, als dass keine Linie übermalt und das Bild perfekt ist.

Basketballkörbe für Ila

Schon bei unserer Ankunft versprach Father Lukose uns, dass die Jungen BALD Basketballkörbe zum Spielen montiert bekämen… Jetzt, nach über einem Monat ist es endlich soweit und die Körbe stehen. Aber auch das war kein leichtes Unterfangen, denn sie wurden auf „indische Art“ montiert. Als vor vier Tagen die Handwerker das erste Mal nach Ila kamen, dachten wir, die Körbe seinen innerhalb von zwei bis drei Stunden montiert, aber so denken nur wir Deutsche. Schlussendlich brauchte es fünf Handwerker und vier Arbeitstage, bis die leicht rostigen Stangen mit den großen weißen Brettern daran in der Erde festzementiert waren. Nun wird es unsere Aufgabe sein, sie zu bemalen und mit der Farbe wetterfest zu machen.
Was man bei all der Verwunderung über die indische Arbeitsweise jedoch nicht vergessen darf, ist dass die Handwerker parallel zu den Basketballkörben auch noch an einem zweiten Projekt gearbeitet haben, von dem wir beim nächsten Mal berichten.